Faszination
Corydoras
Auf
Zierfischfang unterwegs in Französisch Guyana
Im Herbst 1994 erreichte mich folgendes Fax aus Japan: „Sehr geehrter Herr Seuß, wir freuen uns, dass wir Ihnen erstmals Corydoras oiapoquensis und Corydoras condiscipulus aus Französisch Guyana anbieten können. Bitte teilen Sie uns mit, wie viele Tiere sie bestellen möchten, zum Stückpreis von 1000.-- DM (ohne Fracht).“ Zunächst glaubte ich an einen Druckfehler, als ich jedoch nochmals nachfragte, wurde mir dieser Preis bestätigt. Höflich lehnte ich dieses „Sonderangebot“ ab, denn ich bin nicht bereit, Zierfische zu solchen völlig überhöhten Preisen zu erwerben. Einige Monate später konnte ich beide Arten von meinen brasilianischen Freunden zu einem angemessenen Preis erwerben. Die Tiere werden von Brasilien aus im Rio Oiapoque, dem Grenzfluss zwischen Brasilien und Französisch Guyana, gefangen. Bereits einen Monat später laichten die Corydoras oiapoquensis ab, und ich konnte bereits einige Nachzuchttiere an interessierte Aquarianer abgeben. Nachdem ich bereits mehrfach in Südamerika zum Zierfischfang unterwegs war, packte mich im April 1995 wieder das Zierfischfangfieber. Gemeinsam mit meinem Aquarianerkollegen Manfred Rank flogen wir nach Französisch Guyana. Aus diesem Land sollen laut Erstbeschreibung noch weitere Corydoras-Arten vorkommen, die in den letzten Jahren nicht mehr nach Deutschland eingeführt wurden, da zur Zeit aus Französisch Guyana keine Zierfische importiert werden. Bekannt ist Franz. Guyana als Standort des europäischen Raketenzentrums. In Kourou werden Satelliten und Raketen, wie z. B. die Ariane, in den Weltraum geschossen. Diese Station beschäftigt 2800 Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Dadurch bedingt sind die Preise in den Hotels sehr hoch, und das nicht nur in der Umgebung von Kourou, sondern im gesamten Land. Von einem Aquarianer erhielten wir den Tipp als Unterkunft das La Comere in Cayenne zu wählen. Dieser Rat war Gold wert. Obwohl es auch hier nicht ganz billig war, begeisterte uns das schöne Zimmer mit dem großen Balkon sowie die Gartenanlage inmitten einer tropischen Landschaft. Der größte Vorteil für Aquarianer ist, dass durch diese Hotelanlage ein Bach mit klarem Wasser fließt, und dieser für den täglichen Wasserwechsel geradezu ideal ist. Um die verschiedensten Flussläufe und Biotope zu erreichen, mieteten wir uns ein Auto. Auch hierfür sind die Kosten recht hoch und das Benzin kostete fast 2.-- DM pro Liter. Es ist nicht notwendig, einen allradgetriebenen Jeep zu mieten. Die meisten Wege und Pisten sind mit einem Kleinwagen befahrbar, und wenn die Straße abgebrochen ist, nützt auch ein Jeep nichts mehr. Nur gut, dass wir eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen hatten, sonst hätte ich die Beulen im Frontbereich, die durch einen etwas zu forschen Fahrstil entstanden sind, sicherlich bezahlen müssen. Auf der sehr gut befahrbaren Ost-West Verbindung von Saint Laurent nach Regina gibt es bezüglich Schlaglöcher keinerlei Probleme, und man kommt mit den erlaubten 90 km pro Stunde recht zügig voran. Von den 3000 km, die wir in den 13 Tagen gefahren sind, waren jedoch über die Hälfte auf unbefestigten Pisten zurückzulegen, auf denen ein Schnitt von 20 bis 30 Km pro Stunde schon recht gut ist. Wir wollten ja auch nicht durchs Land rasen. Dafür ist diese Dschungellandschaft viel zu schön. Nach jeder Kurve staunten wir über den neuen atemberaubenden Ausblick auf die üppige Vegetation und lauschten den Geräuschen des Dschungels, der überall auf der Welt Angst oder Faszination auslöst. Die beste Jahreszeit um in Franz. Guyana Zierfische zu fangen, sind die Monate Juli und August. Dann ist der Wasserspiegel in den Bächen extrem niedrig. Nur knapp 5 cm Wasserstand hatte eine Pfütze, 10 km von Roura entfernt, in der wir Killifische erkennen, und mit einem kleinem Handkescher auch problemlos fangen konnten (Rivulus igneus). Eine der wenigen Touristenattraktionen des Landes bilden die Wasserfälle (wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann) in Fourgassie. Von einem Aquarianer erfuhr ich, dass dieser in den Monaten Juli und August des vergangenen Jahres, hier viele Corydoras gefangen hatte. So sehr wir uns auch bemühten, wir konnten keinen einzigen Panzerwels sehen. Auch den in den Aquarienzeitschriften angegebenen Fundort für L 42 können wir nicht bestätigen. Außer den überall im Lande vorkommenden größeren Barschen und einigen größeren Salmlern konnten wir keine weiteren Fische erkennen. Immer wieder wurde uns Kaw als der Ort mit einem großen Fischreichtum genannt. Das mag zwar stimmen, jedoch dachten die Einheimischen an Speisefische und wir eben an Aquarienfische. Vom Ufer aus konnten wir hier Pseudopristella simulata, Aequidens cf. tetramerus, Copella arnoldi (Spritzsalmler) sowie verschiedene Garnelen und kleinere Krebse erbeuten. Regina, 120 km südöstlich von Cayenne, mit immerhin 20 bis 30 Häusern, einer Tankstelle und einem Tante Emma Laden ist eher als kleines Dorf zu bezeichnen. Die Leute leben hier vom Fischfang und so dachten wir, dass wir hier einige Informationen bezüglich Aquarienfische erhalten würden. Auf der Wunschliste stand Corydoras spilurus, der stromaufwärts im Creek Ipoussing vorkommen soll. Die Erstbeschreibung von Herrn Norman ist aus dem Jahre 1926. Um zum Creek Ipoussing zu gelangen, muss man sich ein Boot mieten und 5 bis 6 Stunden flussaufwärts über mehrere Stromschnellen fahren. Die verlangten Preise für diesen Tagesausflug waren mit 600.-- DM so hoch, dass wir zunächst versuchten einen Fischfänger zu finden, der diesen Panzerwels schon mal gesehen hatte. Wir befragten viele, aber alle Fänger schüttelten nur den Kopf. Wir beschlossen diese Tour zunächst zu verschieben, und vielleicht mit etwas Glück diesen Corydoras an einer anderen Stelle, die leichter zu erreichen ist, zu fangen. Mein Begleiter, Manfred Rank, hat sich seit mehreren Jahren auf die Pflege und Zucht von Zwergbuntbarschen spezialisiert. Aus Franz. Guyana ist Apistogramma gossei bekannt. Diesen Zwergcichliden wollten wir unbedingt fangen und mit nach Hause nehmen. Immer wieder suchten wir diesen Fisch in den Restwassertümpeln. Dabei ist es gar nicht so einfach, einen geeigneten Zugang zum Gewässer zu finden. Ein Fehltritt, und man versinkt bis zu den Knien im Morast, und hat dann die größten Schwierigkeiten wieder heraus zu kommen, denn bei der kleinsten Bewegung versinkt man immer tiefer im Schlamm. Bei dieser Gelegenheit war ich sehr froh, als mich mein Freund wieder herauszog. Durch dieses Erlebnis etwas vorsichtiger geworden, näherten wir uns dem Creek Ineri, 2 km von Regina entfernt, dessen Uferböschung ebenfalls sehr morastig war. Zwischen den Wasserpflanzen konnten wir die ersten Apistogramma erkennen. Sobald wir jedoch die Kescher ins Wasser tauchten, verschwanden sie wieder im Pflanzengewirr. Auch auf die Wasseroberfläche gestreutes Flockenfutter lockte viele andere Fische an, aber nicht die Apistogramma gossei. Wie wir dies bereits von anderen Reisen her kannten, mussten wir unseren großen stabilen Kescher ins Pflanzendickicht stoßen, und anschließend die Fische aus den Schlamm und Pflanzenresten heraussortieren. Einige Kilometer von diesem Fundort entfernt, konnten wir zwei weiter Tiere von Apistogramma gossei erbeuten. Dieser Bach hatte eine Wassertiefe von höchstens 20 bis 30 cm, kristallklares Wasser und einen morastigen Bodengrund. Im Uferbereich lebten die Zwergchichliden zwischen Astwerk und anderen Ablagerungen. Mehrere Tage waren wir in der Gegend zwischen Cayenne und Regina unterwegs und suchten überall nach dem von mir so sehr begehrten Corydoras, leider ohne Erfolg. Keinen einzigen Panzerwels konnten wir aufstöbern. Deshalb wollten wir unser Glück nun von Cayenne aus in westlicher Richtung erneut versuchen. Auch auf dieser Strecke ließen wir kein Gewässer aus, um darin zu fischen. Wir übernachteten in Sinnamary und dort zeigte ich die Zeichnungen der Corydoras-Arten, die in Franz. Guyana vorkommen sollen, den verschiedensten Leuten. Eine Bedienstete des Hotels, die überraschenderweise sehr gut Englisch sprach, behauptete doch tatsächlich, dass ihr Mann sich mit diesen Fischen auskennen würde, und auch einen geeigneten Fangplatz wüsste. Wir verabredeten uns für den kommenden Tag um 5 Uhr morgens. Fast eine Stunde marschierten wir durch hohes Gras zu einem Kanal in dem der Fischreichtum für das, was wir bisher in Französisch Guyana gesehen hatten sehr groß war. Mit einem Wurfnetz versuchten wir die angeblich hier vorkommenden Corydoras zu fangen. Wie sich jedoch herausstellte, hatte unser Fänger Schwielenwelse mit Corydoras verwechselt. Etwas enttäuscht, setzten wir unsere Reise in Richtung Mana fort. Im Nordwesten von Französisch Guyana kriechen in den Monaten April und Mai die großen Wasserschildkröten an den Strand, um ihre Eier im Sand zu vergraben. Obwohl der Rio Maroni hier ins Meer mündet, und auf mehrere Kilometer das Meerwasser mit seinen trüben und schlammigen Wassermassen verschmutzt, ist dieser Strandabschnitt bei den Einheimischen zum Baden sehr beliebt. Saint-Laurent die größte Stadt am Rio Maroni, bildet die Grenze zu Surinam. Wie bereits an anderen großen Flüssen im Land so ist auch hier das Flussbett und die Uferböschung total verschlammt und man versinkt bei jedem Schritt. In solchen großen Flüssen ist es aussichtslos nach Zierfischen zu suchen. Wir beschlossen auf den unbefestigten Pisten zu den kleineren Zuflüssen dieses Flusses zu gelangen. Auch hier konnten wir keine Fische erblicken bzw. fangen, die wir nicht schon an anderen Stellen des Landes erbeutet hatten. So fuhren wir nach Cayenne zurück, um dort Herrn Dominique Ponton in seinem Institut aufzusuchen, der uns vielleicht einige Fundorte von Corydoras-Arten sagen könnte. Dieser Spezialist für alle Süßwasserfische in der Umgebung von Kourou, zeigte uns alle hier vorkommenden Corydoras in Alkohol eingelegt, und erklärte uns auf einer Landkarte deren einstiges Verbreitungsgebiet. Diese Informationen nützten uns jedoch nicht viel, weil die meisten der Biotope und Flussläufe, in denen er diese Tiere gefangen hatte, nicht mehr existieren. Das gesamte Gebiet ist durch den riesigen Stausee komplett unter Wasser gesetzt worden und andere Stellen im Land hatte er noch nicht erforscht. Auch Herr Paul Planquette in Kourou konnte uns nicht weiter helfen, da er sich mehr mit Salmler beschäftigt, und ebenfalls nur in der inzwischen durch den Stausee überfluteten Region seine Forschungen betrieben hatte. Durch Zufall lernten wir einen jungen Mann kennen, der sich hobbymäßig für Zierfische interessiert. Er versicherte mir einen Fundort für Corydoras zu kennen. Am kommenden Morgen fuhren wir gemeinsam zu einem Biotop in dem wir über mehrere Stunden hinweg die tollsten Fische fangen und fotografieren konnten, aber keinen einzigen Corydoras. Nach fünf Stunden hatte ich keine Lust mehr und wollte diesen Fischfangtrip abbrechen, da wir uns bereits einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen hatten. Unser Fischfänger wusste genau, dass ich ihn die Geschichte mit den gefangenen Corydoras nicht glauben würde, solange er es mir nicht beweisen konnte. Er gab nicht auf, und unbeirrt warf er ein ums andere Mal sein Wurfnetz an den verschiedensten Stellen ins Wasser. Plötzlich schrie er wie ein verrückter „Corydoras, Corydoras“. Er hatte also recht gehabt. Es gab hier wirklich Corydoras. Es war Corydoras spilurus, ein langgestreckter Panzerwels mit ausgezogener Schnauze. Da aus Franz. Guyana keine Zierfische exportiert werden, tauchte dieser Wels bisher nicht auf. Insgesamt konnten wir drei Tiere fangen, und auch lebend mit nach Deutschland nehmen. Ein besonderes Erlebnis ist es in den Klarwasserflüssen zu schnorcheln und die Zierfische zu beobachten. Durch die leichte Braunfärbung des Wassers sind leider keine optimalen Unterwasseraufnahmen möglich. Ich hatte bereits zwei Stunden in unmittelbarer Nähe eines Zitteraals, der unter einem im Wasser liegenden großen Baum versteckt lag, geschnorchelt, als mich Manfred auf ihn aufmerksam machte. Vielleicht war das gut so, sonst hätte ich mich sicherlich nicht so lange im Wasser aufgehalten. Jedenfalls gingen uns hier einige Fische ins Netz, die wir auch gesund und quicklebendig mit heimbringen konnten. Unser letzter Abstecher führte uns auf einer Nebenstraße von Cayenne in Richtung Kourou. Nach 20 km floss unter einer kleinen Brücke ein Bach mit kristallklarem Wasser. Bereits vom Ufer aus konnten wir große Bestände von Cabomba erkennen, in denen es von Fischen nur so wimmelte. Etwas Trockenfutter auf die Wasseroberfläche gestreut, und schon konnten wir relativ einfach Nannostomus beckfordi und Polycentrus schomburgki erbeuten. Nicht nur unter Wasser, sondern auch über Wasser, lohnt es sich die verschiedensten Insekten und andere etwas größere, und auch nicht ganz ungefährlichen Tiere zu beobachten. Solange man einen gewissen Sicherheitsabstand einhält, muss man auch keine Angst vor Schlangen haben. Für mich bleibt es unverständlich, wie Touristen Schmetterlinge und Käfer als Souvenirs kaufen können. Solange eine Nachfrage nach diesen Mitbringseln besteht, werden sicherlich noch viele Tiere ihr Leben lassen müssen. Auch die gutgemeintesten Schutzmaßnahmen nützen nur dann etwas, wenn diese auch im Heimatland der Tiere eingehalten werden. Auch Faultier werden in Franz. Guyana von der Bevölkerung abgeschossen. Sicherlich mehr aus Lust am Jagen als zur Nahrungsquelle. Die Dschungelgebiete in Südamerika haben es mir angetan, und so zieht es mich immer wieder in die verschiedensten Gebiete, um neue oder aber auch altbekannte Fische zu fangen.
Text und Fotos: Werner Seuß