Corydoras aus Venezuela
Seit vielen Jahren habe ich mich auf die Pflege und Zucht von südamerikanischen Panzerwelsen der Gattung Corydoras spezialisiert. Nachdem meine Frau und ich bereits mehrfach in Südamerika zum Zierfischfang unterwegs waren, und dabei so manchen seit vielen Jahren nicht mehr nach Deutschland importierten Corydoras gefangen und lebend mit nach Hause gebracht haben, wollten wir zum Jahreswechsel 1996/97 in Venezuela auf Zierfischfang gehen. Von unseren bisherigen Reisen wussten wir, dass es äußerst schwierig ist, bestimmte Fische zu fangen, wenn man nicht einen ortskundigen Begleiter hat, der sich für Zierfische interessiert und auch etwas Fachwissen besitzt. Venezuela ist flächenmäßig so groß, dass man sich zunächst entscheiden muss, welches Gebiet in der zur Verfügung stehenden Zeit man bereisen will. Unser Reiseziel sollte die Gegend um Puerto Ayacucho sowie der Rio Caura sein. Immer wieder versuchte ich, Informationen über dieses Flusssystem zu bekommen, jedoch beschränkten sich die mir zugänglichen Informationen auf die Region des Zusammenflusses des Rio Caura mit dem Rio Orinoco. Ich wollte jedoch möglichst weit flussaufwärts am Rio Caura nach einem bestimmten Panzerwels suchen. Durch Zufall entdeckte ich einen Bericht im BSSW-Report (eine Zeitschrift des VDA-Arbeitskreis „Barben Salmler Schmerlen Welse“) indem Herr Thomas Johannes über seine Reise zum Rio Caura schrieb. Sofort erkundigte ich mich nach dessen Telefonnummer und obwohl es bereits 21.00 Uhr war, rief ich Herrn Johannes an. Mit Begeisterung erzählte er mir über die besuchten Flussgebiete in Venezuela und auch von seinen Begleitern, einem deutschen Ehepaar, die für interessierte Aquarianer/Terrarianer solche Touren durchführen würden. Danach stand für uns fest, wir wollten auch mit Norbert und Gabi Flauger, so heißen die beiden, auf Tour zu gehen. Die ersten beiden Tage übernachteten wir bei den Flaugers in deren Bungalowanlage in Casa Maria, nördlich von Valencia. Jeder Naturliebhaber wird von der tropischen Gartenanlage mit all den darin lebenden Tieren begeistert sein. Ein eigener Aquariumraum sowie verschiedene Gartenteiche mit Kaskaden sind besonders für Aquarianer interessant und hier können die gefangenen Tiere bis zur Heimreise gehältert werden. Obwohl wir uns in den ersten beiden Tagen in dieser herrlichen Anlage am Schwimmingpool erholen wollten, packte mich das Corydoras-Fieber als Norbert berichtete, dass nur 1 Stunde von Casa Maria entfernt er bereits Corydoras gefangen hatte. Natürlich musste ich zu diesem Bach fahren, um das neue Zugnetz, das Gaby selbst genäht hatte, zum ersten Mal auszuprobieren. Der Rio Qebrada aqua clara ist ein kleiner Bach der am 21.12.1996 einen pH Wert von 8,0; eine Leitfähigkeit von 570 ms und eine Wassertemperatur von 25,6 Grad C hatte. Das Wasser hatte eine leicht trübe Färbung und roch nach Fäkalien. Die Verschmutzung kam von einer Hühnerfarm, deren Abwässer in diesen Bach geleitet werden. Oberhalb des Einlasses der Farm war das Wasser klar und wir konnten die ersten Corydoras im nur 30 bis 40 cm tiefem Wasser am Sandboden erkennen. Es dauerte nicht lange bis uns die ersten Tiere ins Netz gingen. Es war Corydoras aeneus, der einen schwach rötlichen Fleck zeigt. Nachdem ich einen kräftiger gefärbten Corydoras bereits seit vielen Jahren besitze und auch schon nachgezüchtet habe, nahm ich nur acht Tiere für mich mit. Den Rest der gefangenen Tiere war für Norberts Lagune bestimmt. Erst einige Wochen später bemerkte ich, dass einer von diesen Tieren eine deutlich längere Schnauze hatte. Diese Tiere möchte ich als Corydoras septentrionalis (Rio Qebrada aqua clara) bezeichnen. Wie bei vielen anderen Corydoras-Arten so gab es auch zu diesem kurzschnäuzigen Corydoras aeneus eine ähnlich aussehende längschnäuzige Art. Corydoras septentrionalis konnten wir auch noch an anderen Stellen fangen. Die Fundorte sind teilweise recht weit voneinander entfernt und dementsprechend sehen die Tiere je nach Fundort etwas unterschiedlich aus. Am 23. Dezember war es endlich soweit. Gemeinsam mit Gabi und Norbert Flauger fuhren meine Frau und ich von Casa Maria aus in südlicher Richtung nach Purto Ayacucho. Wir hatten keine Eile, sondern wir wollten diesen Fischfangtrip genießen, und möglichst viele Flussläufe besuchen, um nachzuschauen welche Fische darin lebten. Mein Hauptinteresse galt wie immer den Panzerwelsen der Gattung Corydoras und so beschlossen wir in San Fernando de Apure bei einem Zierfischfänger vorbei zu schauen. Auch hier konnten wir Corydoras septentrionalis sehen, die aus dem Rio Apure stammten. Unser erstes Nachtlager schlugen wir am Rio Arauca auf. Wie an allen folgenden Tage auch mussten wir zunächst das Dachzelt aufbauen und die Moskitonetze über die Liegen spannen. Während der Dämmerungszeit ist es sehr ratsam eine dickere Jacke und Hose sowie feste Schuhe oder Gummistiefel zu tragen, um von den vielen kleinen Plagegeistern nicht zerstochen zu werden. Obwohl ich schon öfters solche Fischfangtrips unternommen hatte, dachte ich dieses Mal überhaupt nicht daran. Ich genoss es am Flussufer bei so angenehmen Temperaturen den Sonnenuntergang zu beobachten, und ließ mir dabei unser selbstzubereitetes Abendessen schmecken. Viel zu spät bemerkte ich, dass mein ganzer Körper völlig zerstochen war. Der Juckreiz war so groß, dass ich diese Tour am liebsten sofort abgebrochen hätte. Ich konnte die Schuld auch auf keinen anderen schieben, da ich es selbst am besten hätte wissen müssen. Einige Tage später bekamen wir von einem Indianer den Ratschlag, während der Dämmerungszeit ein Stück eines Termitenbaus verglimmen zu lassen, da der Rauch die Moskitos wirksam vertreibt. Bis nach Puerto Ayacucho konnten wir immer wieder malerische Flussläufe bewundern. In der Trockenzeit sinkt der Wasserspiegel so stark ab, dass Sandbänke im Uferbereich entstehen, die jeden Südseestrand in den Schatten stellen. Dann sind alle Strapazen vergessen und wir finden es wunderbar in diesen oftmals kristallklaren Flüssen zu baden. Ein Aquarianer ist nicht mehr zu bremsen, wenn es gilt die Unterwasserwelt mit Taucherbrille und Schnorchel zu betrachten. Für uns war es ein besonderer Nervenkitzel, als wir diese Fischgewässer auch nachts beim Schnorcheln erkundeten. Im Schein unserer Unterwasserleuchte konnten wir Raubsalmler, Zitteraale, kleine Kaimane und viele scheue Fische, die man tagsüber selten sieht, Auge in Auge beobachten. Auch für Wasserpflanzenfreunde bietet diese Gegend herrliche Biotope mit einer großen Anzahl an interessanten Wasserpflanzen. In Puerto Ayacucho besuchten wir den ortsansässigen Zierfischexporteur, der sehr hilfsbereit war und uns gestattete, einen Blick in seine Hälterungsanlage zu werfen. Über eine Reihe von Ziegelsteinen war nur eine Plastikfolie gelegt und mit Wasser aufgefüllt worden. Darin drängten sich mehrere Tausende von Corydoras concolor in die hinterste Ecke dieses Behälters. Der nur 10 cm hohe Wasserstand ist für Corydoras-Arten durchaus in Ordnung, jedoch nicht die Besatzdichte und die fehlende Versteckmöglichkeit. Bei dem gleichen Händler entdeckte ich in den hinteren Behältern mehrere Hundert Altum mit einer Flossenspannweite von 15 bis 20 cm, die bei einem Wasserstand von nur 10 cm gehältert wurden und daher nur schräg im Wasser liegen konnten. Oftmals müssen die Tiere mehre Wochen darin ausharren bis sie endlich erlöst werden und hoffentlich noch lebend beim Großhändler in Europa, Asien oder Nordamerika eintreffen. Man sollte den Großhändlern und Exporteuren in den Heimatländern der Zierfische deutlich zu verstehen geben, dass nur gesunde und unverletzte Tiere exportiert und verkauft werden dürfen. Vielleicht sollte man überlegen, ob man nicht sogenannte Mindestverkaufspreise für Zierfische einführen sollte. Ich bin dagegen, Tiere als Sonderangebote möglichst billig zu verkaufen. Diese Schnäppchenpreise gehen zu Lasten der Gesundheit der Tiere. Genauso verhält es sich auch wenn immer mehr Fische in die Transportbeutel gepackt werden, um die hohen Flugkosten auf noch mehr Tiere zu verteilen. Ein wichtiger Schritt um zu garantieren, dass die Fische gesund bei uns ankommen, wäre eine staatliche Kontrolle der Großhändler. Dann muss auch die Einhaltung einer mehrwöchigen Quarantänezeit überwacht werden. Zwar würde sich dann der Verkaufspreis erhöhen, aber das sollte einem Aquarianer die Gesundheit seiner Fische schon wert sein. Für den kommenden Morgen verabredeten wir uns mit den Zierfischfängern, um südlich von Puerto Ayacucho im Rio Catauiapo mit einem großen Zugnetz Corydoras concolor zu fangen. Für jedes gefangene Tier bezahlt man den Fängern umgerechnet 3 Pfennige. Da ich diesen Panzerwels bereits seit mehreren Jahren pflege und züchte, nahm ich auch nur fünf Tiere mit. Schon seit mehreren Jahren versuchte ich über die Exporteure in Venezuela Corydoras boehlkei zu bekommen. Immer wieder hörte ich, dass diese Art nicht lieferbar wäre, weil der angegebene Fundort in der Erstbeschreibung in einem völlig unerschlossenen Gebiet liegt. Auf den Landkarten ist zwar eine Urwaldpiste als Landebahn für kleine Flugzeuge eingezeichnet, jedoch konnte uns kein Pilot sagen, ob diese noch vorhanden ist und ob man von dort dann den Fluss erreichen kann. Die reinen Flugkosten mit einer kleinen Sportmaschine erschienen uns mit 1500 DM recht hoch. Deshalb beschlossen wir diesen Flug nur als allerletzte Alternative zu erwägen und zunächst mit Auto und Boot so weit wie möglich bis an den angeblichen Fundort zu gelangen. Von Puerto Ayacucho fuhren wir in östlicher Richtung bis nach Maripa am Rio Caura. Wir übernachteten unterwegs an vielen wirklich traumhaften Wasserläufen und nutzten die Zeit zum Zierfischfang. Dabei erbeuteten wir Salmler, Barsche und andere sehr interessante Tiere. In Puerto Cabello del Caura konnten wir Corydoras melanistius brevirostris fangen. Auch ein neuer Corydoras ging uns ins Netz, der etwas an Corydoras cortesi und Corydoras simulatus erinnert. Nur bezüglich Corydoras boehlkei hatten wir bisher kein Glück, aber dieses Ziel wollten wir nun weiter verfolgen. Der Flug mit einer kleinen Privatmaschine zum oberen Rio Caura war uns zu unsicher und deshalb wollte ich zumindestens mit einen Boot den Rio Caura flussaufwärts fahren. Die meisten der von uns angesprochenen Indianer, die in der Umgebung von Las Trincheras lebten und ein Boot mit einem sehr starken Außenbordmotor besaßen, waren nicht bereit uns über die Stromschnellen hinweg flussaufwärts zu bringen. Nach längeren Verhandlungen hatten wir endlich einen Bootsführer gefunden, der dazu bereit war. Wie abgesprochen warteten wir am nächsten Morgen am vereinbarten Flussufer. Mit einer Stunde Verspätung, was in Südamerika durchaus normal ist, kam ein anderer Bootsführer und erklärte uns, dass der junge Mann der uns gestern zugesagt hatte, heute morgen nicht wach zu bekommen war, weil er am Abend zu lange gefeiert und gezecht hatte. Um uns weiterzuhelfen, wäre er bereit für seinen Freund einzuspringen. Nach einer Stunde erreichten wir die Stromschnellen. Ich dachte, dass es sicherlich eine Weg geben würde, um dieses gefährlich rauschende und schäumende Wasser zu umfahren, aber unser Bootsführer steuerte unbeirrt mitten auf die Stromschnellen zu. Jetzt wusste ich, dass wir wirklich mitten durch das schier kochende Wasser mussten. Die Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor, als unser Boot immer wieder durch die Strudel gedreht, hin und her geworfen und dann noch ganz knapp an einem Felsbrocken vorbeitrifftete. Nun wussten wir, dass die Erzählungen von gekenterten Booten nicht übertrieben waren und obwohl wir wirklich nicht ängstlich sind, konnten wir unseren Herzschlag am ganzen Körper spüren. Aber nach der Durchquerung der Stromschnellen floss der Rio Caura wieder ruhig dahin, und wir konnten uns für die nächsten Stunden entspannen und erfreuten uns an der wunderschönen Flusslandschaft. Nach mehreren Stunden Fahrt erreichten wir die nächsten Stromschnellen. Hier war ein Weiterkommen unmöglich und wir beschlossen an den Sandbänken in Ufernähe unser Netz durchs Wasser zu ziehen. Viele Fische, die mich jedoch nicht interessierten, gingen uns ins Netz. Ich konnte meine Enttäuschung, keinen Corydoras boehlke gefangen zu haben, aber nicht ganz verbergen. Nachdem ich die Fische fotografiert hatte, wollten wir zu unserem Zeltlager zurückfahren. Wir waren schon eine Zeitlang auf dem Fluss unterwegs, als sich der Himmel verfinsterte und wir in einen tropischen Regenschauer gerieten. Um den Regenguss erst einmal abzuwarten, fuhren wir in einem Seitenarm des Rio Cauro. Als der Regen aufhörte, behaupte meine Frau, dass sie während ihres Spazierganges entlang des Ufers einige Corydoras gesehen hatte. So ein Quatsch, dachte ich und wollte eigentlich das Netz nicht noch einmal ausbreiten. Nachdem meine Frau jedoch immer wieder beteuerte, dass sie sich nicht geirrt habe und Norbert der gleichen Meinung war, ließ ich mich überreden und wir zogen das große Zugnetz nochmals durchs Wasser. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als wir wirklich einige Corydoras im Netz hatten. Zum einen erkannte ich Corydoras oesteocarus, den wir bereits mehrfach zuvor an anderen Stellen in Venezuela gefangen hatten. Etwas verwundert war ich, als darunter auch Corydoras breei zu finden war, der laut Erstbeschreibung aus Surinam stammen soll. Und dann lag vor mir in Netz noch eine dritte Art, die sich wirklich als Corydoras boehlkei herausstellte. Vergessen waren alle Anstrengungen und Schmerzen, die unzählige Moskitostiche und meine blutunterlaufene Hand, die mir eine Hornisse nachts im Schlaf so übel zugerichtet hatte, dass aufgrund der Schwellung ich mehrere Tage nicht mehr richtig zupacken konnte. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause geflogen, um die Fische in meine vorbereiteten Aquarien zu setzen. Da wir jedoch noch mitten im Dschungel waren, musste ich die folgenden Tage so planen, dass diese Tiere gesund und unverletzt die restliche Zeit und auch die Heimreise überstehen würden. Seit vielen Jahren transportiere ich die gefangenen Fische in kleinen viereckigen Plastikbehältern. Pro Behälter gebe ich höchsten zwei Tiere, denn Corydoras geben bei Stress ein Sekret ab, mit dem sie sich gegenseitig vergiften können, deshalb ist der tägliche Wasserwechsel sehr wichtig. Diese Arbeit beansprucht täglich ein bis zwei Stunden Zeit. Natürlich dürfen die Tiere bis zur Heimreise nicht mehr gefüttert werden, denn die Ausscheidungen der Tiere würden das Wasser in den Transportbehältern zusätzlich belasten. Nach 14 Tagen mussten wir Abschied nehmen von Norbert und Gabi Flauger, die uns vorzüglich betreut haben. Gemeinsam ist es uns gelungen Corydoras boehlkei zu fangen und lebend mit nach Hause zu nehmen. Im September 1997 haben die Tiere zum ersten Mal gelaicht und ich konnte die ersten Nachzuchttiere großziehen. Wer mehr über diesen Fischfangtrip erfahren und sehen möchte, den empfehle ich meine Vorträge (Multimedia-Panorma-Diaschauen mit 4 Projektoren).
Text und Fotos: Werner Seuß